Projekt Murcia

Murcia, Hauptstadt der gleichnamigen spanischen Region, hat rd. 450.000 Einwohner. Diese Region gilt als heißeste Spaniens, der Küstenstreifen zwischen Costa Blanca und Costa de Almería nennt sich daher auch Costa Cálida – die heiße Küste.

 Die Spanienurlauber unter Ihnen werden diese Gegend sicher kennen. Nicht kennen werden Sie vermutlich die Perréras, das sind die Tötungsstationen für Hunde in Spanien, die sich ganz in der Nähe beliebter Tourismusorte befinden. Wenn Sie diese Seite angeklickt haben, ahnen Sie sicher schon, dass wir Ihnen keine Bilder von glücklichen Hunden zeigen können, sondern leider eher das Gegenteil. Eine kleine Gruppe dort lebender Menschen hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Hunden aus Murcia zu helfen. Sie holen sie aus der Tötung, versorgen sie und suchen ihnen ein neues Zuhause. Wir unterstützen diese Gruppe schon einige Jahre, viele Hunde konnten schon nach Deutschland vermittelt werden und auch aktuell haben wir wieder mehr als 20 Hunde aus Murcia in der Vermittlung. Auf dieser Seite möchten wir Ihnen die Arbeit der Gruppe und die Zusammenarbeit mit uns, kurz das „Projekt Murcia“ vorstellen.
Unsere Ansprechpartnerin Susanne Tölle war bereits 4 x in Murcia und hat reichlich Fotos  und natürlich auch Hunde mitgebracht. Ihre sehr bewegenden, reich bebilderten Reiseberichte finden Sie auf der rechten Seite. Die Fotos zeigen, unter welchen Bedingungen unsere spanischen Tierschutzkolleginnen und -kollegen arbeiten und sie zeigen – machmal schonungslos offen – den Zustand der Hunde, wenn sie von der Tötung ins Refugium kommen. Aber sie zeigen auch die Erfolge, beispielsweise wie die Hunde sich langsam erholen, wenn sie tierärztlich behandelt und versorgt werden.
Susanne schreibt dazu: „Spanien, das Land der Sonne und der Orangen. Das  Land in dem gefeiert wird  bis zum Umfallen. „Ballermann“ ist jedem ein Begriff.
Doch in diesem Land gibt es auch etwas Anderes, nämlich das Leiden von unendlich vielen Hunden. Etliche Hunde werden ausgesetzt und nicht auf der Straße geboren.“

So wie Django. Den meisten Menschen scheint das jedoch egal zu sein, oder sie wollen es nicht so genau wissen – weil es unangenehm ist, weil sie denken, dass es sie nichts angeht. Aber es gibt Menschen die sich verantwortlich fühlen, die nicht wegsehen und die mit ihren wenigen Möglichkeiten versuchen das Schicksal dieser Hunde zu verbessern.

In Murcia sind das genau 5 junge Menschen. Sie haben sich organisiert und ihr Verein heißt: Asociacion de animales Protectora Proyecto Dedalo. Die Organisation besteht aus der Vereinsvorsitzenden Nieves Caballero und Fina, Laura, Fran und Natalia. Sie haben ein Refugium gefunden, indem sie die Hunde in Sicherheit bringen können. Dort kümmern sie sich um bis zu 100 Hunde. Lesen Sie den gesamten Beitrag hier.


In 2016 hat Susanne Tölle die Perrera in Murcia besucht und diesen Bericht dazu verfasst:

Unser 4. Besuch in Murcia. In diesem Jahr waren wir 3 Wochen dort. Wie jedes Jahr gab es viel zu tun. Aber es macht auch Freude zu sehen wie viel man erreichen kann und wie sehr sich alle über unsere Hilfe freuen. Über die tägliche Arbeit dort habe ich in den vergangen Jahren ausführlich berichtet. Daran hat sich auch nichts geändert. Die Versorgung der Hunde muss natürlich täglich geleistet werden.
In diesem Jahr haben wir aber auch sehr viele Gespräche geführt, mit den Menschen vor Ort und auch Mitgliedern von anderen Vereinen. Am meisten hat uns interessiert, wieso hier in Murcia nicht mehr getötet wird. Darum möchte ich an dieser Stelle die Geschichte hierzu erzählen:
Seit Nieves ein kleines Mädchen war hat sie mit ihrem engagierten Vater den Straßenhunden geholfen. Aber eine Perrera hatten sie bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht von innen gesehen. Nieves 2Vor 6 Jahren besuchte Nieves Vater die Perrera, weil er als Handwerker einen Auftrag von der Stadt hatte. Es sollten einige Fenster und Türen von ihm repariert werden. Und was er dort sehen musste war so schlimm, das ihm klar war, was zukünftig seine Aufgabe sein würde. Nämlich genau dies zu bekämpfen, und natürlich mit seiner Tochter Nieves an seiner Seite. In den kleinen Zwingern, in denen es nichts gab außer kaltem Beton, lagen die Hunde. Mehr tot als lebendig. Ausgehungert bis auf die Knochen, verletzt, blutend, winselnd und sterbend!
Nieves sagt heute, das sich ab diesem Tag ihr Leben verändert hat. Sie wird diese Bilder nicht mehr aus ihrem Kopf bekommen. Von jetzt an fuhren sie und ihr Vater fast täglich dort hin und kümmerten sich um die Hunde. Sie versorgten die Wunden, fütterten die Tiere, gaben ihnen ein wenig Zuwendung und sorgten dafür, dass nur noch Hunde gemeinsam in einen Zwinger kamen, die sich auch vertrugen. Die ersten Monate gab es kaum einen Tag an dem nicht ein Hund in ihren Armen starb. Viele Tiere waren in einem so schlimmen Zustand, dass die Hilfe zu spät kam. Und täglich kamen Neue dazu. Sie merkten sehr schnell, dass sie auch mit größtem Aufwand, so nichts verändern würden.
Also gingen sie zur Stadtverwaltung und bemängelten diesen Zustand. Die Perrera wird von einem privaten Unternehmen betrieben, das Unternehmen Sercomosa. Und jetzt begannen Nieves, ihr Vater und Fina, eine weitere Tierschützerin die sich ihnen angeschlossen hat, etwas gegen das Unternehmen Sercomosa zu unternehmen.
Es hat viel Zeit und Kraft gekostet. Viele Besuche im Rathaus, viele Gespräche mit Vertretern der Gemeinde und den Betreibern der Perrera waren nötig um diesen Umgang mit den Hunden zu unterbinden. Dazu die intensive Betreuung der vielen Hunde dort. Nach einem Jahr mieteten sich Nieves, Fina und einige andere Tierschützer gemeinsam die Pension. Jeder zahlte was er konnte und jeder versuchte für sich einzelnen Hunden zu helfen.
Viele wollten helfen, gaben aber nach kurzer Zeit wieder auf. Die Wenigsten haben lange durchgehalten. Zum Einen weil sie das Leid nicht länger nicht ertragen konnten, oft aber auch weil ihnen die Arbeit zu viel wurde.
Es war ein langer, mühsamer Weg, mit vielen Rückschritten und sehr viel Elend. Aber langsam veränderte sich etwas. Im Bewusstsein der Menschen und im Umgang mit den Hunden. In dieser Zeit kam dann noch ein weiterer Schicksalsschlag hinzu. Nieves Vater erkrankte an Krebs. So versorgte sie ihren Vater und arbeitete noch täglich in der Perrera oder der Pension. Als ihr Vater starb musste sie ihm versprechen, das sie die Hunde niemals im Stich lässt.
Sie hat ihr Wort bis heute gehalten, was ihr dank unserer Unterstützung möglich war.

NievesInzwischen hat sie gemeinsam mit Fina, Fran und Laura einen kleinen Verein gegründet, mit dem Namen Asociación de animales Protectora Proyeto Dédalo. Sie haben nun einen kleinen Teil der Pension für sich gemietet und betreuen hier die Hunde, bis zu ihrer Vermittlung oder bis sie sterben.
Die Perrera hat 80 Zwinger. Die Hunde haben heute alle dank lieber Spender eine Kunststoffpalette, und müssen zumindest nicht mehr auf dem kalten Beton liegen. Sie bekommen täglich ihr Futter und werden medizinisch versorgt. Nieves, Fina und Laura sind je einen Tag die Woche vor Ort. Immer mehr spanische Tierschutzvereine melden sich bei Nieves und wollen ihren Rat für die Bekämpfung der Tötungsmaschinerie. Was diese kleine Gruppe dort geleistet hat verdient auch vollsten Respekt. Leider heißt das aber nicht, das dort jetzt alles schön ist und es den Hunden gut geht.
Wir waren auch in diesem Jahr wieder in der Perrera, und obwohl der Zustand der Tiere auf den ersten Blick gut ist, ist dies trotzdem einer der schlimmsten Orte die ich mir vorstellen kann.
Den ganzen Tag fegt ein eisiger Wind über das Gelände. Die Hunde können sich nicht davor schützen. Viele haben deshalb entzündete Augen und liegen zitternd auf ihren Kunststoffpaletten. Decken oder Stroh sind aus hygienischen Gründen nicht erlaubt. Manche Hunde haben resigniert und starren ins Leere. Andere ertragen es nicht und versuchen alles um zu fliehen. Sie haben blutende Füße, weil sie versuchen sich frei zu buddeln.
Wir lassen manche Hunde raus und haben unsere Not sie später wieder in die Zwinger zu befördern. Denn sie wehren sich mit aller Kraft dagegen wieder eingesperrt zu werden. Das Gefühl das jeden hier überkommt ist die absolute Einsamkeit. Dazu kommen Angst, Hoffnungslosigkeit und Trauer. Gefühle die man in den Augen der Hunde sehen kann. Manche Hunde sitzen seit Jahren in dieser trostlosen Umgebung. Während ich mir noch nicht mal vorstellen kann es hier einen ganzen Tag lang auszuhalten. Es ist leider auch ein Irrglaube dass die Hunde hier jetzt in Sicherheit sind.
Da sich hier auch einige beschlagnahmte „sogenannte Kampfhunde“ befinden, wird hier regelmäßig Nachts eingebrochen, um solche Hunde für verbotene Hundekämpfe zu stehlen. Diese Kriminellen zerstören dann was ihnen möglich ist. Lassen die Hunde raus, zwischen denen es dann auch zu Kämpfen kommt. An Tagen nach einem solchen Überfall stehen die Tiere regelrecht unter Schock. Sie sind noch mehr gestresst als sie es normaler Weise schon sind. Die Tierschützer sind immer in Sorge, weil sie gegen diese Übergriffe machtlos sind. Die Hunde die hier leben kommen nie zur Ruhe, das seelische Leid ist riesig.
Oft kommt es vor das die 80 Zwinger nicht reichen. Zu Spitzenzeiten leben hier 120 Hunde. Wenn nichts mehr geht, darf wieder getötet werden. Dann rufen die Mitarbeiter der Perrera bei Nieves an und geben ihnen ein paar Tage Zeit, die Hunde unterzubringen. Wenn sie das nicht hinbekommen, werden wieder Hunde getötet! Wenn es wieder soweit ist dass die Perrera aus allen Nähten platzt, füllt sich auch die Pension mit mehr Hunden als eigentlich geplant. Und die Tierschützer verteilen die Hunde auf sich.
Seit 5 Jahren wurde kein Hund mehr getötet. Das heißt aber auch, dass es hier Hunde gibt, die seit genauso langer Zeit an diesem Ort leben. Trotzdem ist das im Moment die einzige Möglichkeit den Tieren das Leben zu retten. Und langfristig das Denken der Menschen hier zu verändern.
Bis dahin werden noch viele Hunde in der Perrera ankommen. Und nur wenn es weiter Menschen gibt die einem unserer Schützlinge ein Zuhause geben, haben die Tierschützer vor Ort die Chance, weiter dafür zu sorgen dass dieses fürchterliche Töten für immer aufhört.