Projekt Mazarrón

Doris Frick, 2. Vorsitzende von Hundepfoten in Not, betreut dieses Projekt und hat dazu einen Bericht über die Perrera in Mazarrón geschrieben. Sie schildert, wie ein solches Konstrukt funktioniert, wie es finanziert wird,  den Tagesablauf und die Arbeit der Tierschützer vor Ort.

Mazarrón, 35 km Sandstrand, angenehmes Microklima und eine Perrera…von deren Existenz die über tausend Touristen, die diese Region jährlich besuchen, kaum eine Ahnung haben dürften. mazarronAber wir wissen es – leider. Schon seit einigen Jahren versuchen wir so gut es geht, Hunden aus dem Bezirk Murcia/Mazarrón zu helfen.
Unser Ansprechpartner vor Ort, Paul, informierte uns Anfang 2014 darüber, dass in Mazarrón eine Tötungsstation neu eröffnet wurde. Wir waren sehr bestürzt , vielleicht aber auch  nur blauäugig – vorher. Gingen doch unsere Hoffnungen darauf hin, dass die Tötungsstationen mehr und mehr der Vergangenheit angehören würden. Wir wollten so gerne glauben, dass den spanischen Hunden dieses Schicksal erspart bliebe, dass sich etwas ändert in diesem Land, zugunsten der Hunde.

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Bereits im Mai 2014 war Gabi Kunowski, die damalige erste Vorsitzende unseres Vereins “Hundepfoten in Not”, in Mazarrón, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Jeweils im Juli und im September 2014 sind mein Mann Udo und ich nach Mazarrón gefahren. Wir haben die Erlaubnis erhalten die Tötungsstation zu betreten. Hierzu muss man wissen, dass das keine Selbstverständlicheit ist, normalerweise ist Fremden der Zutritt verwehrt. Die Hunde durften wir fotografieren, Aufnahmen von der Perrera als Ganzes wurden uns allerdings verboten.

Die “Erkentnisse” bei unseren Besuchen waren immer die Gleichen. In den wenigen Zwingern, die in der Tötungsstation zur Verfügung stehen, werden viel zu viele Hunde untergebracht. Oft sitzen mehrere Hunde in einem gerade mal 1,20 m x 2,50 m großen Zwinger, oft sind es auch große Hunde, die zu zweit dort ausharren müssen. Derzeit verfügt die Tötungsstation über 20 solcher Zwinger, die aneinander gereiht sind. Eine Erweiterung ist für 2015 geplant.

Die Tötungsstation wird – wie so oft – von einem Privatunternehmen betrieben. Es besteht ein Vertrag zwischen den anliegenden Gemeinden und dem Betrieber, der pro Hund einen bestimmten Betrag erhält.

Jeder Hund, der in die Tötung kommt, hat danach 21 Tage “Zeit”…Zeit um von seinem Besitzer abgeholt zu werden, oder um adoptiert zu werden. Nach Ablauf dieser Frist wird er getötet. Wird ein Hund direkt von seinem Besitzer zur Tötung abgegeben, kann er auch gleich getötet werden. Müßig zu sagen wie viele Hunde das Glück haben, hier wieder lebend heraus zu kommen…es sind die wenigsten…

Soweit die trockenen Fakten.

Sehr “trocken” war uns nicht zumute…bei unseren Besuchen in der Tötungsstation… vielmehr haben wir alle mühsam versucht, unsere Tränen zurück zu halten oder zu trocknen.

So viele Hunde, so liebe Hunde – zum Sterben verdammt. Warum es zumeist recht junge Hunde sind, können wir nicht sagen. Auch nicht, warum in dieser Tötung sehr viele Welpen ankommen – oftmals Hundemütter mit Welpen. Sie alle sollen sterben. Es sind große Hunde und kleine Hunde, erstaunlicherweise auch oft Rassehunde.

Wir gehen die Zwinger entlang. Zwinger für Zwinger. In fast jedem springen uns die Hunde entgegen, springen ans Gitter und betteln um Aufmerksamkeit, betteln darum aus ihrem Verlies gelassen zu werden. Oder aber sie verkriechen sich hinter der Holzwand, die ihnen als Rückzug dienen soll.

Drei bis vier Mal in der Woche wird dieser wirklich kleine Traum für einige Hunde Wirklichkeit. Unsere Kollegen vor Ort, Paul, Lisa, Bob und Tony gehen mit Erlaubnis des Betreibers in die Perrera und dürfen die Hunde aus den Zwingern nehmen. Sie gehen mit jedem Hund ein wenig auf und ab, dann muss er wieder in den Zwinger zurück, damit auch die anderen Hunde die Möglichkeit haben, etwas aus dem Zwinger zu kommen. Es ist zum Erbarmen wenn die Hunde zurück in die Zwinger müssen. Manche davon wehren sich sehr und jammern herzerweichend.

Was unsere Kollegen da jede Woche leisten, verdient unseren tiefsten Respekt. Sie gehen dort hin um den Hunden in der wenigen Zeit, die ihnen noch verbleibt, ein wenig Erleichterung, ein wenig Lebensfreude zu geben. Sie sammeln Decken und Handtücher, die sie den Hunden in die Zwinger geben können. Einfach ein bisschen Schutz, damit sie nicht auf dem blanken Beton liegen müssen. Wenn sie wieder kommen, dann sind die Decken schmutzig und nass…beim Ausspritzen der Zwinger durch die Arbeiter der Perrera werden diese Decken nämlich nicht zur Seite gelegt. Es werden viele Decken gebraucht, denn die einmal verschmutzten Decken sind meist nur noch zum Wegwerfen geeignet. Die Kollegen kaufen Hundekörbe aus Plastik, um sie den Hundemüttern mit den Welpen zur Verfügung zu stellen, versehen mit einer Decke…damit die Welpen nicht auf dem blanken Boden liegen müssen…damit die Hundemütter einen winzigen Raum haben für sich und ihre Welpen.

Wenn die Kollegen wieder in die Perrera kommen, dann sind die Hunde, die sie beim Mal zuvor noch so gut es ging liebevoll umsorgt haben, einfach nicht mehr da. Jeder weiß, welchen Weg sie gegangen sind. Keiner spricht darüber. Sie gehen zu den Zwingern, begrüßen die Neuankömmlinge und kümmern sich auch wieder um diese so gut es geht. Bis auch ihre Zeit gekommen ist und sie einfach nicht mehr da sind. Die Hunde bekommen keine Namen, niemand weiß, ob sie jemals welche hatten, sie sterben namenlos. Lisa sagte bei meinem ersten Besuch in der Perrera zu mir: “Wir können ihnen keine Namen geben und wir können auch über die, die nicht mehr da sind, nicht reden. Es ist schon schwer genug und wir könnten das was wir tun, sonst nicht machen. In unseren Köpfen aber, in unseren Erinnerungen, da bleiben sie, wie Geister.”

Heute weiß ich, was Lisa mir damit gesagt hat. Zu viele Geister nun auch in meinem Kopf. Einigen, nur ganz wenigen davon, will ich hier nochmal ein Gesicht geben.

??????????????????????????????? ??????????????????????????????? ??????????????????????????????? ??????????????????????????????? ??????????????????????????????? ???????????????????????????????Wie Lisa, Paul, Bob und Tony dies Woche für woche aushalten können, wissen wir nicht. Aber wir haben gehört, mit welchen worten sie sich gegenseitig verabschieden: “…keep good care on you…”

Wir konnten erreichen, dass wir Hunde aus der Perrera retten können. Wir dürfen dort Hunde “reservieren”. Dies bedeutet, dass wir sie dem Veterinär, der für die Perrera zuständig ist, melden. Sie werden dann nicht getötet. Aber sie müssen innerhalb wenige Tage die Tötungsstation verlassen. Der Veterinär, Herr A., ist ein Mensch, der uns sehr überrascht.

Er freut sich wirklich für jeden Hund, den wir reservieren, manches Mal fragt er sogar für den einen oder anderen Hund, ob wir diesem nicht helfen können. Er arbeitet willig mit uns zusammen, chipt die Hunde, impft sie gegen Tollwut und erstellt den EU-Pass. Und dann… dann geht er und macht die arbeit, für die er angestellt ist. Er tötet die Hunde. Wer soll das je verstehen ?

Unsere Kollegen vor Ort haben zwar einen kleinen Verein JJ Puppies, verfügen jedoch nicht über ein Refugium, in dem sie die Hunde unterbringen können. Also werden die Hunde in Pensionen gebracht, aber das kostet – pro Hund und Monat 75 €. Die Kosten für die “Auslöse” aus der Perrera betragen 57 €. Danach müssen die Hunde noch die weiteren Impfungen erhalten und werden, soweit möglich, kastriert. Sie bekommen Blut abgenommen für die Tests auf die Mittelmeererkrankungen, die vor Ort vorkommen.

Und dann warten sie in den Pensionen – auch dort leider nur Zwinger – darauf, dass sie ein Zuhause in Deutschland bekommen. Viele Hunde warten oft Monate, bis sie in ihr neues Zuhause reisen können. Es ist so schade, wenn die Hunde lange warten müssen. Für die Hunde selbst – aber auch weil die Pensionskosten eine enorme finanzielle Belastung darstellen. Da die Pesnionsplätze befrenzt sind ist es auch sehr schlimm, dass dann oft keine Hunde aus der Perrera mehr gerettet werden könnnen, weil einfach kein Platz für sie da ist.

So zum Beispiel unser Washington, ein unendlich lieber Kerl. Hier auf dem Bild ist er mit Paul, noch in der Tötungsstation

Washington konnten wir im Juli 2014 aus der Perrera holen und in eine Pension bringen. Dort wartet der Eisbär noch immer auf sein Zuhause. Washington hatte mit uns einen kleinen ausflug unternommen und war einfach nur begeistert. Hier wird er von Janet, einer der weiteren Helferinnen, begrüßt.

Oder Cross, ein wunderschöner und sehr energievoller Schäferhund

crossOder Pedro, ein wunderschöner Galgo, der als Skelett und narbenübersät in der Tötungsstation war. galgo2galgoNur drei Wochen später in der Pension hat Pedro dann schön zugenommen und konnte zeigen, was für ein freundlicher und liebevoller Hund er ist.

Sie sind “nur” drei Beispiele, doch sie zeigen, wie gerne sie leben und wie wichtig es ist, diesen Hunden zu helfen.

Dass wir nicht alle retten können, ist fü+r uns jedes Mal aufs Neue eine persönliche Bankrotterklärung. Eine Bankrotterklärung an die Menschheit die es zulässt, dass dieses Elend überhaupt existiert. Und ein Bitten um Verzeihung an die, denen wir nicht helfen konnten. Unsere Geister, die in unseren Herzen und Köpfen weiter leben.

Unsere Helfer vor Ort freuen sich jedes Mal, wenn unser Fahrzeug nach Spanien kommt, um einige dieser Seelen zu holen und in ihr neues Zuhause zu bringen, oder aber auf unsere Pflegestellen. Stellvertretend für diejenigen, die es geschafft haben, soll hier unser Freund Stone gezeigt werden – ein alter Schäferhund, der in der Perrera zum Sterben abgegeben wurde. Wir konnten Stone in eine Pension bringen und er hat – schneller als wir je zu hoffen gewagt hatten, ein wunderschönes Zuhause gefunden. Stone lebt ! stone

Natürlich fährt unser Auto nicht leer nach Spanien. An Bord sind immer viele Hilfsmittel, die wir von lieben Menschen gespendet bekommen. Futter, Decken, Körbe, Näpfe…alles was gebraucht wird, um den Hunden das Leben ein Stück besser zu machen.

Und sei es auch nur für 21 Tage…