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Reisebericht März 2006 Italien
– Rom / Rieti
Silke
und ich machen uns per Flieger auf, um das „Tierheim“ Bambi in
Rieti zu besuchen.
In
der Vergangenheit konnten wir ja von dort schon einigen Hunden
helfen.
Aber
die Zustände dort sind uns bis dato nur vom „Hörensagen“
und einigen Bildern bekannt und so wollen wir selber dort die
Verhältnisse kennen lernen, sehen was möglich ist für
diese armen Lagerinsassen, und was auch nicht.
In
Rom erwartet uns Claudia Röckl aus Wien, die schon mal für
einige Dinge im Vorab gesorgt hat. Sie holt uns am Flughafen Rom /
Fiumicino ab. Claudia hat selber lange in Rom gelebt und kennt das
Lager in Rieti bereits.
Vom
Flughafen aus fahren wir zuerst in die Pension der Fundatione Prelz.
Signora Prelz ist eine ältere Dame, die sich seit Jahren für
die Hunde um Rom einsetzt. Bei ihr landen die Streunerhunde die
tierliebende Menschen ihr bringen, bevor sie in einem der Hundelager
auf Nimmerwiedersehen buchstäblich verschwinden. Hündinnen
die abgegeben werden weil sie einen ganzen Wurf Welpen zu säugen
haben und man diese Unbequemlichkeit nicht haben will. Oder auch
Hunde die die Besitzer einfach nicht mehr haben wollen.
In
den vergangenen Jahren wurde durch die Stiftung Prelz eine sehr gute
Struktur aufgebaut, und ein OP – Raum ist bereits im Werden.


Von
Signora Prelz erhoffen wir uns Hilfe für die Hunde aus dem Lager
Rieti.
Natürlich
will sie uns helfen, die Hunde dort herauszuholen und bei ihr im
Tierheim reisefertig zu machen.
ABER
– sie hat selber so viele Hunde bei sich und im Moment einfach
keinen Platz und keine Gelegenheit. Ihre Schützlinge warten auch
darauf, ein gutes Zuhause zu finden. Dies ist aber nur sehr selten
der Fall.
So
wächst zusammen mit Signora Prelz die Idee, dass wir doch auch
Hunde aus ihrem Tierheim in die Vermittlung übernehmen. Sie kann
diese Hunde, die ja ohnehin bei ihr sind, für die Reise
vorbereiten. Und wenn auf diese Weise Platz geschaffen werden kann,
so kann Signora Prelz auch bei den Hunden aus Riet behilflich sein.
Wir
dürfen das Gelände mit den Zwingern anschauen und auch die
kleine OP –Station, die gerade aufgebaut wird. Wir verlassen Signora
Prelz mit einem Gefühl der Hoffnung.
Hoffnung
für „unsere“ Sorgenkinder aus Rieti, und der Hoffnung von
Signora Prelz viele Hunde übernehmen zu können. Damit auch
sie wieder Platz für die armen weggeworfenen Hunde hat, die man
ihr täglich bringt.
Leider
kann sie nicht immer alle aufnehmen, und so ist das Schicksal dieser
abgewiesenen Hunde völlig im Ungewissen.
Müde
aber ein bisschen glücklich fahren wir am späten Abend nach
Montelibretti in das Haus von Claudias Freund, das er uns
freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

Ein
bisschen was essen, viel Planung für die nächsten Tage und
dann ab ins Bett, in dem wir uns noch lange schlaflos wälzen.
Am
nächsten Tag wollen wir nach Rieti ins „Tierheim“, und uns
graut davor.
Um
überhaupt ins Tierheim gehen zu können, mussten wir im
Vorab schon über einen ortsansässigen Rechtsanwalt eine
Erlaubnis über die Staatsanwaltschaft Rieti erwirken lassen. Der
Betreiber des Tierheimes – Bordi – hat die Öffnungszeiten
auf Mittwochs zwischen 11h und 12h festgesetzt, und denkt überhaupt
nicht daran, uns ausserhalb dieser (unmöglichen) Öffnungszeiten
ins Tierheim zu lassen.
An dieser Stelle muss ich einen
kleinen Exkurs machen.
Die Situation in den meisten Tierheimen (so auch
in Rieti) Italiens ist folgende:
Seit 1991 wurden in Italien die
Tötungen der Hunde, wie wir sie noch heute aus anderen Ländern kennen, per
Gesetz abgeschafft. Dies alleine genommen ist natürlich ein großer Fortschritt.
Das bisherige „System“ wurde dadurch aber in kürzester Zeit völlig
überfordert.
Für all die Hunde war sehr
schnell viel zuwenig Platz da keine Tötungen mehr vorgenommen wurden. Weitere
Hunde wurden aber nach wie vor in die Tierheime gebracht. So war schnell
Handlungsbedarf entstanden. Das System der privaten Tierheime wurde ausgebaut,
und es entstanden „Tierheime“ der Superlative. Sie beherbergen zwischen 250 und
1000 Hunde.
Diese „öffentlichen“ Tierheime
haben einen privaten Besitzer. Die Besitzer haben Verträge mit den jeweiligen
Gemeinden. Sie müssen die Hunde, die im Gebiet einer Gemeinde aufgelesen
werden, aufnehmen. Für jeden Hund, den sie bei sich „beherbergen“, erhalten sie
von der Gemeinde einen Betrag X. Geht es nach Recht und Gesetz, Dann kann kein
Privatmann seinen Hund in einem öffentlichen Tierheim abgeben. Er kann seinen
Hund töten lassen, in die Hände von Tierschutzorganisationen geben oder –
ungesetzlich – einfach aussetzen. Dies geschieht sehr häufig, da die Leute
entweder die „Mühen“ einer Tötung scheuen, oder aber den Weg zu
Tierschutzorganisationen die mit der Masse der Hunde allerdings auch völlig
überfordert sind.
In regelmäßigen Abständen
erfolgen von den Gemeinden Ausschreibungen. Der Tierheimbesitzer, der die
günstigste Tagespauschale anbietet, erhält den Zuschlag. So kommt es immer
wieder zu einer Umsetzung von Hunden von Tierheim A nach Tierheim B.
Zwar sind die Besitzer
verpflichtet, die Tiere bei Bedarf tierärztlich versorgen zu lassen. Da dies
aber von ihren Einnahmen, die sie von der Gemeinde erhalten, abgeht geschieht
dies nicht in vielen Fällen. Auch die Unterbringung selber ist natürlich eine
Geldfrage. Und so wird auch hierbei mit minimalem Aufwand der maximale Gewinn
erzielt.
Eine Vermittlung der Hunde ist somit auch nicht im Interesse der
Tierheimbetreiber.
Am
Donnerstag morgen also kurzer Imbiss in einer Bar, und dann auf nach Rieti. Wir
treffen uns dort in einer Bar mit Massimiliano, dem Rechtsanwalt. Er wird uns
ins Tierheim begleiten.
Am
Donnerstag morgen also kurzer Imbiss in einer Bar, und dann auf nach
Rieti. Wir treffen uns dort in einer Bar mit Massimiliano, dem
Rechtsanwalt. Er wird uns ins Tierheim begleiten.

Wir
fahren lange bei strömendem Regen durch die wunderschöne
Landschaft der Sabiner Berge. Serpentinen hoch und runter in das
„middle of nowhere“. WO bitte soll hier ein Tierheim sein?

Irgendwann, in der Pampa, sehen wir ein kleines
handbeschriebenes Blatt an einem Baum hängen „canile“
(Tierheim).

Oh
mein Gott – wer soll denn dieses Tierheim finden können, um
einen Hund zu adoptieren? Nicht einmal die Bevölkerung in und
um Rieti konnte uns den Weg dorthin beschreiben. Viele wissen noch
nicht einmal von diesem Tierheim. Wir
haben es dennoch gefunden.
Ein
Arbeiter empfängt uns und teilt uns mit, dass er Sig. Bordi
anrufen muss.

Er kann uns keine Erlaubnis zum Betreten des Tierheimes
geben. So verschwindet er in einem Container, der dort als „Büro“
aufgestellt ist um zu telefonieren.

Silke
und ich nutzen die Gelegenheit und drücken uns durch die Türe
ins „canile“.

Dass
die Zustände schlimm sind wissen wir, was wir angetroffen haben
hat unsere schlimmsten Befürchtungen übertroffen.
Wir
hetzten schnell durch den endlos langen Gang des Lagers, in dem ca.
450 Hunde untergebracht sind. Das Lager ist – gleich einer Strasse
am Berg, in einen Hügel gegraben worden und umschlingt diesen
wie ein Band. Ein langer Gang, in dem rechts und links die Zwinger
aufgereiht sind. Es sind keine Sichtschutzzäune zwischen den
Zwingern aufgebaut, und so sehen die Hunde endlos lang auf die
Mitinsassen und auf die Hunde in den Zwingern gegenüber. DAS ist
alles, was sie sehen können und den Himmel über ihnen.
Ausläufe gibt es keine. Wir haben keine Zeit, um die Hunde auch
nur näher anzuschauen. Ich nutze die Chance, um Fotos zu machen.
Mache Fotos über Fotos während Silke den Regenschirm
schützend über mich und meine Kamera hält, mit den
Tränen kämpft.
Nepal
der Husky-Mix gibt sich schon auf

Verzweifelte
Blicke

Immer
weiter, den ganzen langen Gang
- Kaum
Platz für viel zu viele Hunde

Die
kleine Tigra lebt heute nicht mehr

Weiter,
endlos weiter


Wir
laufen weiter durch das Tierheim, der Regen läuft trotz
des Regenschirmes an uns herunter. Aber der Eindruck wird immer der gleiche
sein. Ob schönes oder schlechtes Wetter, diese Hilflosigkeit -
wir draußen, die Hunde zusammengekauert drinnen -
Hoffnungslosigkeit! Silke ist ganz schön mitgenommen und wir dürfen doch einfach nicht zeigen, wie es in uns aussieht. Silkes
Verzweiflung, mein Entsetzen und Claudias grenzenlose Wut. Während
wir noch durch das Tierheim gehen, kommt der Anwalt plötzlich zu
Claudia und ruft sie heraus. Ein neuer Hund wurde vom Hundefänger
gebracht. Ein kleiner weiss-oranger Setter mit schwer verletzter
rechter hinterer Pfote wird abgeführt.


Claudia
versucht zu verhindern, dass der Hund ohne medizinische Versorgung in
den Zwinger gebracht wird und der Anwalt erklärt dem
Hundefänger, der übrigens vom Amtstierarzt in Rom geschickt
wurde, dass er eigentlich keine Hunde hierher bringen darf, da das
Tierheim beschlagnahmt ist. Aber was soll schon ein Befehlsempfänger
dagegen tun?


Claudia
sagte dem Arbeiter Giuseppe, dass der Hund separat und nicht mit den
anderen Hunden zusammen gehalten werden muss (auch als Claudia sich
Tage später erkundigte, war der Hund noch immer nicht versorgt
worden, obwohl es auch dafür ein Gesetz in Italien gibt )
Silke
und ich machen derweil drinnen unseren traurigen Gang weiter, um
möglichtst viele Fotos machen zu können.
Im
Regen sieht man die Tränen nicht, und das
ist gut so

Nehmt uns doch mit


wir wollen RAUS
!!!

Trostlos
regnet es weiter, während Silke und ich die endlos lange Reihe
weitergehen. Die Hunde an den Gittern, in ihren Käfigen, in
denen das Wasser auf dem Betonboden steht. Futterbrocken liegen
darin, vermischt mit Urin, Regen und Schmutz.
Das verunreinigte Wasser spritzt uns ins Gesicht,
wenn die Hunde gegen die Gitter springen, um Hoffnung betteln.
Verzweifelt bellen, oder uns nur stumm anschauen.
Resignation
und Verzweiflung. Hinter dem Gitter bei den Hunden, vor dem Gitter
bei uns.
Ein
Arbeiter spritzt mit einem Schlauch die Zwinger aus. Das
Schmutzwasser läuft in eine kleine Rinne die vor den Zwingern
verläuft. Dort sammeln sich die festen Bestandteile (Kot) und
bleiben in der Rinne liegen.
WER
hilft ihnen - diesen, so vielen, geschundenen
Seelen?

Kein
Ende in Sicht
...

Auch
nicht für ihn. Sein Urteil heißt "Leishmaniose".
Komm doch - gnädiger Tod

Er
rennt ans Gitter, das unerbittlich zwischen
uns steht, und bettelt um Liebe

Das
Ende – ist es das? Und wenn ja, für WEN?

Wir
sind beinahe am Ende angelangt, da kommt der Arbeiter angelaufen und
winkt uns wild zu. Wir sollen raus kommen. Signor Bordi wird gleich
da sein und er will (verständlich) keine Schwierigkeiten haben.
Als
Silke und ich aus dem Tierheim kommen, sehen wir den Neuankömmling,
den kleinen Setter, in der ersten Box sitzen. Wir sind kaum
draußen, da kommt Bordi.
Wir
zeigen ihm die Erlaubnis der Staatsanwaltschaft, den Zwinger an
diesem Tag betreten zu dürfen. Umständlich dreht er das
Papier und erklärt dann Massimiliano, dass dieses Papier für
ihn kein Beweis sei. Er wird die Forestale anrufen.
Die
Forestale ist so eine Art Landschafts- und Waldpolizei und auch für
das "canile" zuständig. So warten wir wieder im Regen, der uns
schon trotz Regenschirmen in die Krägen läuft, auf die
Forestale.
Nach
einer halben Ewigkeit kommt sie in Form von zwei Beamten. Die schauen
sich auch noch mal alles an. Verlangen unsere Ausweise die wir ihnen
mitsamt unseren Mitgliedsausweisen des Vereines überlassen. Sie
gehen damit zu ihrem Auto und lassen unsere Personalien per Funk
kontrollieren. Wir sind in keiner Verbrecherdatei, stellen sie fest,
obwohl wir uns langsam wie welche vorkommen.

Sie
und auch unser Anwalt telefonieren nun mit dem Staatsanwalt. Die
Forestale kommt danach zu dem Ergebnis, dass Bordi uns ins "canile"
einlassen muss.
Ein
gespenstiges Trüppchen setzt sich im noch immer strömendem
Regen in Bewegung. Voraus Claudia, Silke und ich, immer mit
Massimiliano an unserer Seite. Dahinter geht ein verdrossener Bordi
und die Beamten der Forestale, die aufpassen, dass niemand
zurückbleibt oder sich selbständig macht.
Irgendwie
wirkt es schon beinahe grotesk.

Wir
halten gleich an der Box des verletzten Setters und versuchen mit
Bordi zu verhandeln. Er soll uns den Hund in eine Klinik bringen
lassen. Wir bezahlen die Kosten auch. Umsonst. Der Kleine muss
verängstigt und verletzt im Dreck und Regen bleiben.
Silke
und ich zeigen Claudia Hunde und stellen Fragen, die sie den
Italienern übersetzt - sie haben keine Antworten auf unsere
Fragen. Sie wissen nichts, rein gar nichts über diese Hunde. Nur
einmal, als ich auf die kleine Tigra zeige die offensichtlich krank
und noch immer reglos zitternd im Regen sitzt und an Bordi gerichtet
sage, dass das ja wohl nicht geht, der Hund offensichtlich krank ist
und behandelt werden muss, fragt Bordi frech ob wir Tierärzte
sind. Seiner Meinung nach kann nur ein Tierarzt sehen, ob ein Tier
krank ist.
Die
zerrissene Pfote des Setters - muss man da ein Tierarzt sein? Die
kleine Tigra - ein kleines Kind würde sehen können, dass es
ihr sehr schlecht geht. Nur Bordi, er sieht es nicht.
Das
Wetter ist gegen uns, und Bordi auch. Wir dürfen nicht mehr
fotografieren, was uns nicht wirklich stört, da wir es ja
ohnehin schon ausgiebig gemacht haben.
Einen
Tag zuvor hatte Claudia per Fax an Bordi eine Liste mit Hunden
geschickt, die unser Verein aus dieser Hölle für dieses Mal
befreien will. Auf unsere direkte Frage, ob wir die Hunde mitnehmen
können, lehnt er entsetzt ab ... Nach wie vor unterstellen viele
Italiener den ausländischen Tierschützern, dass sie
Hundehandel betreiben und sie teuer an Versuchslabore
verkaufen. Sie können sich nicht vorstellen, dass jemand auf
seine Kosten nach Rom kommt, um verwahrloste, ausgestoßene,
kranke, verlassene Tiere zu retten, ohne damit einen ungeheuren
Gewinn zu machen.
Barmherzigkeit
kennen diese Geschäftsleute nicht. Wir wollten Klinikrechnungen
für einen Hund übernehmen, den wir gerade mal 1 Minute
vorher gesehen hatten - unmöglich, dass da nicht mehr dahinter
steckt, so ihre Vermutung.
Nach
dem Durchgang verlangt unser Anwalt, dass wir Fotos machen
können. Da das aber nicht ausdrücklich auf dem
Papier des Staatsanwaltes steht, lehnt Bordi es weiterhin ab.
Wir
wollen nicht nachgeben. Nicht diesem Wahnsinn, und nicht diesem
Bordi.
Wir
beschließen zur Staatsanwaltschaft zu fahren um die Erlaubnis
direkt zu erhalten, und so fährt ein kleiner Konvoi zur „Prokura
di Rieti“. Bordi, die Forestale, Massimiliano und wir drei.
Nur
schweren Herzens verlassen wir für heute das Lager im „middle
of nowere“ und unsere Freunde, die Hunde.
In
der Prokura di Rieti angekommen, werden nochmals unsere Pässe
verlangt und unser Anwalt versucht mit Geschick zu verhandeln.
Lange stehen wir in den grauen Gängen der Prokura, während
die beiden Beamten immer wieder in das Zimmer des Staatsanwaltes
laufen. Herauskommen, Fragen stellen und wieder verschwinden.
Irgendwann „kippt“ die Situation. Ein Beamter versucht den
„Spieß“ umzukehren. Er wirft dem Verein Hundepfoten in
Not Hundehandel, bzw. Geldmacherei mit den Hunden aus dem
Tierheim Rieti vor.
Ich
soll ein Papier unterschreiben, auf steht, dass wir die Hunde nach
Deutschland zur Gewinnerzielung unserer privaten Geldbeutel holen
wollen.
Daraufhin
kommt es zu einem lautstarken Wortschwall und "teatro
all´italiana" von Seiten unseres Anwalts, der uns schnappt
und die Staatsanwaltschaft mit uns verlässt.
Für
heute sagt er, hat es keinen Wert weiter zu machen.
Auch
wenn es in der Vergangenheit schon Tierschützer aus Italien gab,
die versucht haben es uns zu erklären. Auf den Fluren der
Prokura di Rieti haben wir endlich verstanden, wie diese Leute
denken. Ob sie fühlen, und wenn ja was, werden und wollen wir
nie erfahren.
Wir
fahren zurück nach Rieti und setzen uns noch in eine Bar um über
die vergangenen Stunden noch einmal genau zu sprechen. Diesen
Wahnsinn in Worte zu fassen. Ein kläglicher Versuch. Claudia
fungiert als Dolmetscher zwischen Massimiliano, Silke und mir. Es ist
eine Farce, dass genau in dieselbe Bar Bordi kommt und als er uns
sieht unseren Kaffee bezahlt und wieder geht. Bitterer Kaffe.
Wir
trennen uns und verabreden uns auf den Abend. Wir haben einen
Beschluss gefasst. Wir werden in die Kanzlei des Anwaltes kommen um
ihm ein offizielles Mandat zu erteilen.
Ein
Mandat für die Hunde aus dem canile di Rieti.
Wir
fahren nach Montelibretti zurück, trocknen uns und wärmen
uns auf. Halten „Lagebesprechung“. Verwirrte und traurige
Gemüter.
Claudia

Silke

Später
am Abend fahren wir in die Kanzlei. Nachdem alle Formalitäten
erledigt sind, gehen wir mit den Anwälten noch etwas essen.
Erschöpft kommen wir gegen 1.00 h in Montelibretti an. Todmüde
fallen wir ins Bett, doch es will sich kein Schlaf einstellen.
Wenn
wir schon so traurig sind, wie mag es dann unseren vierbeinigen
Freunden im
"canile
di Rieti” http://www.adozionicani.it/adozioni.php
gehen,
die Tag für Tag - Nacht für Nacht, Stunde um Stunde dieser
Hölle ausgesetzt sind ?
Wir
sind gekommen, weil wir Ihnen helfen wollen. Und nun wissen wir, dass
es ein zäher Kampf werden wird um und für diese Hunde.
Hunde die doch eigentlich keiner haben will. Um die sich keiner
kümmert. Die einfach nur eingelagert werden. Denn
Tötungsstationen gibt es nicht mehr in Italien. Nur diese
Lagerstätten. Lager für die Vergessenen.
Quo
vadis – Mensch ?
Freitag:
Wir
hatten nach unruhiger Nacht ein spätes Frühstück und
den Tag über Zeit. So haben wir uns das wirklich schöne
alte Montelibretti angeschaut und sind spazieren gegangen in den
Hügeln. Sogar Stacheln von Stachelschweinen konnten wir sammeln.

Zum
Abend hatten wir Gäste eingeladen. Barbara und Sylvia, zwei
private Tierschützerinnen aus Rom. Die beiden wollten uns gerne
kennen lernen und sich ein Bild von unserer Arbeit und Vorgehensweise
machen. Skeptisch waren sie, aber nicht verschlossen.
An
diesem Abend ist es uns gelungen Barbara von unserer Arbeit zu
überzeugen. Sie selber hilft mit ein „Tierheim“ bei Rom zu
betreuen, in dem eine Frau es geschafft hatte über 700 Hunde
anzusammeln. Diese Hunde hat sie alleine „versorgt“. Es muss
grauenvoll gewesen sein. Das Grundstück samt Hunden wurden dann
endlich von den Behörden beschlagnahmt, und Barbara und anderen
Helfern anvertraut. Sie konnten es zwischenzeitlich schaffen, die
Hundeanzahl auf ca. 350 Hunde zu dezimieren. Einige dieser Hunde
konnten sie vermitteln.
Viele
sind gestorben zwischenzeitlich, und leider mussten auch viele
eingeschläfert werden. Sie waren zu krank um sie retten zu
können mit den wenigen Geldmitteln die zur Verfügung
stehen. Dieses „Tierheim“ wird es nicht mehr geben, wenn denn die
letzten Hunde dort nicht mehr sind. Barbara und die anderen Helfer
sind sozusagen die „Insolvenzverwalter“.
Barbara
selber beherbergt in ihrem großen Haus mir großem Garten
ca. 30 dieser Hunde. Mehr kann sie natürlich nicht bei sich
aufnehmen. Es ist das absolute Maximum.
Sylvia
blieb skeptisch. Ihr war es nicht zu erklären dass wir, um
unsere Arbeit überhaupt finanzieren zu können, für die
von uns übernommenen Hunde Schutzgebühren verlangen. Sie
ist der Meinung dass man für diese weggeworfenen Hunde kein Geld
verlangen darf. Unsere Frage, wie sie dann ihre Tierschutzarbeit
finanzieren kann, konnte sie nicht so recht beantworten. Es sind eben
nur ein paar Hunde, denen sie helfen kann. GUT aber für diese.
Ihre
Frage, ob es denn in Deutschland auch so viele Streunerhunde gäbe,
hat uns sehr verwundert. Einmal mehr wurde uns klar, dass viele
Menschen in Italien von deutschen Verhältnissen fast keine
Ahnung haben.
Wir
haben gehofft, an diesem Abend wenigstens einen kleinen Grundstein
bei zumindest einem Menschen gelegt zu haben. Leider wurde Barbara
Wochen später von einem deutschen Tierheim sehr enttäuscht.
Sie hatte zu diesem Kontakt aufgenommen und um Aufnahme für 7
Hunde gefragt.
Diese 7 Hunde durften kommen.
Barbara hat sie sogar bis in dieses Tierheim gefahren. Man hat ihr
nicht mal die ihr entstandenen Kosten für Impfungen,
Entwurmungen, Chip und EU-Pass ersetzt. Von einer Beteiligung an den
Benzinkosten ganz zu schweigen. Die Hunde wurden aber sehr wohl von
diesem Tierheim gegen eine Schutzgebühr sehr schnell vermittelt.
Das
war das Öl auf die Mühlen der Leute in Italien die sagen,
das die Deutschen an diesen Hunden nur verdienen wollen. Barbara kann
sich so eine Vermittlung ins Ausland natürlich nicht auf Dauer
leisten, und so bleiben wieder mal die Hunde „auf der Strecke“.
Und Barbaras guter Glaube sowieso.
Samstag:
Wir
stehen früh morgens auf und packen unsere Tasche. Noch schnell
in eine Bar einen café e un brioche und dann schnell weiter.
Claudia
mit dem unvermeidlichen Handy

Bevor
wir zum Flughafen fahren wollen wir noch nach Muratella, ein
Tierheim bei Rom das ca. 1000 Hunde hat. Dort wollen wir zwei Hunde
herausholen und in eine Pension bringen, um sie später nach
Deutschland holen zu können. Einen Gordonsetterrüden und
einen Husky-Mischlings-Rüden.
Viel
Hoffnung machen wir uns nicht diese beiden Hunde zu erhalten. Aber
den Versuch wollen wir wenigstens unternehmen. Wir müssen lange
warten in einer sterilen, aber sauberen Wartehalle. Leute stehen da,
die darauf warten von einer der Helfer zu den Hunden geführt zu
werden. Wir haben viele hineingehen sehen und viele heraus. Aber
niemand hat das Tierheim mit einem Hund verlassen.
Endlich
kommt die junge Dame, der wir unser Anliegen schon vor einer Stunde
erklärt hatten, zu uns. Sie führt uns in einen kleinen
Raum, in dem wieder eine junge Frau auf uns wartet.
Sie
könne uns keine Hunde geben. Wir seien Ausländer. Und von
der Staatsanwaltschaft Rieti seien sie schon gewarnt worden, dass ein
paar deutsche Frauen Hunde holen wollen. Es bestehe die Sorge, dass
wir diese in die Vivisektion bringen wollen.
(Im
Nachhinein stellte sich heraus, dass das eine glatte Lüge war.
Der „Informant“ muss ein anderer gewesen sein. Und in Mutmaßungen
zur Person wollen wir uns hier nicht versteigen)
Claudia
ist am Ausrasten. Vor Monaten hat sie genau in diesem Tierheim eine
alte sehr kranke Setterhündin herausgeholt – und auch
bekommen. Sie hat dem Tierheim per e-mail immer wieder Bilder der
Hündin gesandt, damit die Leute dort sehen können dass es
ihr gut geht. Eine Antwort hat sie nie erhalten. (Die Hündin
lebt heute nicht mehr. Zu viele Jahre in diesem Tierheim, zu viele
Jahre unbehandelte Mammatumore haben sie ihr schönes neues Leben
nicht lange genießen lassen).
Noch
nie habe ich Claudia so wütend und so verzweifelt erlebt.
Diesmal sind Silke und ich es, die jemanden schnappen und nach
draußen befördern. Für heute hat es keinen Sinn mehr
weiter zu machen. Aber DAS kennen wir ja schon.
Was
bleibt zu tun ? Bevor wir uns zum Weg auf den Flughafen machen,
sitzen wir mal wieder in einer Bar, essen ein Eis, trinken einen
café. Wieder mal ratlos.

Claudia
fährt uns zum Flughafen. Sie selber wird mit dem Auto zurück
nach Wien fahren. Als wir uns von ihr verabschieden haben wir alle
drei das Gefühl dass wir jetzt, gerade jetzt, noch gar nicht
gehen dürfen.
Reisebericht Rieti, Teil 2, im Juni 2006 ...
© Doris Frick
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